Steinlach Bote – Stricken, Spielen, Schwätzen

Brauchtum

Mit einer monatlichen Lichtstube lässt die Mössinger Bürgerstiftung eine alte Tradition wieder aufleben.

Initiatorin Linde Schneider (Mitte) hat dafür gesorgt, dass es in der Lichtstube wieder hell ist.  Bild: Uli Rippmann

Dagmar Klink bringt am Dienstag einen ganzen Sack voll kunterbunter Flauschwolle ins Alte Mössinger Rathaus mit. „Das ist alles, was ich zu Hause hatte“, sagt sie. Sie will sich – unter der Aufsicht erfahrener Strickerinnen – an ein Intarsienmuster mit Herzchen wagen. Claudia Rosa hat eine so lange Strickpause hinter sich, dass sie zu Hause zur Probe schon mal den Maschenanschlag vorbereitet hat. „Man verlernt es nicht“, stellt sie dabei fest und legt gleich mit einer Socke los.„Ich habe richtig Freude“, sagt sie, sonst sei sie abends meistens platt. Viele Zentimeter wächst der Schaft im Verlauf des Abends heran. Heike Thun vollendet ein angefangenes Strickwerk ihrer Tochter. Dorothee Kaufmann nimmt die erste Mössinger „Lichtstube“ zum Anlass, ihre seit Jahrzehnten gehorteten Wollreste zu entwirren und zu ordentlichen kleinen Knäueln aufzuwickeln. Das gehe beim Reden so nebenher, findet sie, und habe sogar etwas Meditatives. Unter den flinken Fingern von Eva Maria Färber, die nur selbstgestrickte Strümpfe trägt, entsteht ein neues Exemplar aus superdünner
Wolle.

Linde Schneider, die Initiatorin der neuen Mössinger Lichtstube, hat gleich drei verschiedene „Stricketen“ dabei. So könne sie abwechseln, sagt sie. Rund um Ingrid Neukamm sitzt eine Kartenspielerinnenrunde zusammen. Karin Buck schafft es, gleichzeitig zu stricken und neue Spielregeln zu lernen. Plaudernd erinnern sich die Frauen daran, wie man früher die Wollstränge zum Abwickeln über die ausgestreckten Arme der Kinder legte oder wie man aufgeribbelte, krause Wollfäden wieder glatt bekam.

Daneben machen neue Stricktipps von YouTube die Runde. Als Kind habe sie noch in manche Lichtstube gespickelt, entsinnt sich Linde Schneider von der Mössinger Bürgerstiftung. Von ihr stammt die Idee, an diese traditionelle Geselligkeit anzuknüpfen. Wie viel die 66-Jährige von der Lichtstube im elterlichen Haus noch selbst mitgekriegt hat und welchen Anteil die lebhaften Erzählungen ihrer Mutter haben, fließe in ihren Erinnerungen mittlerweile ineinander, sagt sie.

In der sozialen Einsamkeit des vergangenen Corona-Winters sei bei ihr der Wunsch nach gemeinschaftlichen Treffen entstanden, bei denen an Handarbeiten gewerkelt oder gespielt wird. „Es ist einfach jetzt im Herbst eine schöne Zeit für so was.“ 17 Namen stehen auf Schneiders Anmeldeliste. Immerhin elf Frauen kommen. Es sind auch Männer willkommen, betont sie.

Ein altes Konzept wird modern

Dieter Neth, Vorsitzender der Mössinger Bürgerstiftung, sieht sich beim Stricken, Sticken oder Häkeln überfordert. Aber er hat sich bei seiner 90-Jährigen Mutter nach dem Sinn der alten Lichtstuben erkundigt. Sie erzählte ihm aus Zeiten, in denen Elektrizität noch so kostbar war, dass manche Leute die Zeitung im Schein des Herdfeuers lasen. In den Wintermonaten sei man abends bei einer „Lichtfrau“ zusammengekommen, um nur eine einzige Stube heizen und beleuchten zu müssen, erfuhr er.

Früher trafen sich die ledigen Mädchen in der Lichtstube, um an ihren Aussteuern zu sticheln. Unverheiratete Männer kamen – geordnet nach Jahrgängen – in eigenen Quartieren zusammen. In der Erinnerung von Hilde Neth gab es im alten Mössingen bereits alters- und geschlechtsgemischte Zusammenkünfte. Licht und Wärme zu sparen ist ja wieder richtig modern, lobte Neth das neue Angebot der Bürgerstiftung. Außerdem tauge das Alte Rathaus ausgezeichnet als gute Stube der Stadt.

Wie einst, als in den Lichtstuben auch Märchen und Sagen erzählt wurden, endete der Abend. Dorothee Kaufmann las die Geschichte eines argentinischen Sportreporters vor, der ein hochkant verlorenes Fußballspiel im Radio zum Sieg uminterpretiert, einzig und allein, um seinem steinalten Großvater eine Freude zu machen.

Info

Bis März 2022 ist jeden ersten Dienstag im Monat von 19 Uhr bis 21 Uhr Lichtstube im Alten Rathaus in Mössingen. Handarbeiten müssen selbst mitgebracht werden.